Die Autonomie im Süden zurückgewinnen

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AUS DER SCHULDENSPIRALE

Im Süden ist die chronische Verschuldung von Bäuerinnen und Bauern ein Problem, das jegliche Chance auf Entwicklung im Keim erstickt. Viele Menschen schliessen sich jedoch zu lokalen Gruppen zusammen, um gemeinsam aus der Verschuldung auszubrechen. Die solidarische Zusammenarbeit ist eine Voraussetzung für die Ernährungssouveränität.

Die Autonomie im Süden zurückgewinnen

In Madagaskar ermöglicht Entschuldung und die Befreiung von Banken und Wucherern den Bauernfamilien, sich auf fundamentale Werte zu berufen: Werte, die der Gemeinschaft wieder mehr Autonomie verleihen.

Das Programm Tsinjo Aina von Fastenopfer («durch Vorsorge das Leben sichern» auf Madagassisch) bietet der madagassischen Bevölkerung konkrete Hilfe an, um lokalen Wucherern nicht mehr ausgeliefert zu sein. Die Wucherer verlangen horrende Zinsen, manchmal bis zu 300 Prozent. So geht Land oft verloren, weil es verpfändet werden muss. Pfeiler des Programms ist die Bildung von Spargruppen von 10-25 Mitgliedern. Sie gewähren bei finanziellen Schwierigkeiten (fehlender Reisvorrat, Krankheit, Schulmaterial usw.) Darlehen in Form von Geld oder Naturalleistungen. Und dies ohne Zinsen. Ebenfalls zum Ansatz gehört, dass sich die betroffenen Familien bei der Bewältigung der mühsamen Feldarbeit gegenseitig unterstützen und gemeinsam Maniok und Gemüse anbauen. Das Wissen dazu wird ihnen in Agrarökologie-Kursen mitgegeben. Etablierte Gruppen bauen zudem Netzwerke auf, um grössere Aufgaben zu bewältigen: Sie stellen nach der Regenzeit Strassen instand, renovieren Schulen, beantragen neue Ziehbrunnen bei der Gemeinde oder registrieren ihre Felder im Grundbuch.

Alle Gruppen geben sich bei der Gründung einen Namen, der ihre Ambitionen und Identität ausdrückt. «Hoffnung», «Solidarität» oder «Einheit» sind Namen, die von den Spargruppen häufig gewählt werden. Ein Name fällt besonders auf: «Toedraza mitsanga», was so viel heisst «als ob die Vorfahren wieder unter uns weilten». In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, sozio-ökonomischer Instabilität und sich wiederholenden Naturkatastrophen gewinnen die Vorfahren wieder an Bedeutung. Wer sich auf sie und ihre Epoche besinnt, beruft sich nicht nur auf bessere Zeiten, sondern hofft gleichzeitig auf ihre Segnung für laufende Projekte. Während der Schuldenabbau den wirtschaftlichen Aspekt des Projekts abdeckt, bilden die Rückkehr zu den Wurzeln und die Besinnung auf die fünf madagassischen Grundwerte (Einheit, Freundschaft, Solidarität, gegenseitige Hilfe, Vertrauen) den soziokulturellen Aspekt ab.

Die neugewonnene Wahlfreiheit (Symbole, Riten, Namen) ist grundlegend für den Erfolg der Projekte. Die lokale Bevölkerung schafft es so, die mobilisierende und konstruktive Kraft der Kultur mit dem effizienten ökonomischen Ansatz des Schuldenabbaus zu verbinden. Bis Ende 2017 haben die Partnerorganisationen von Fastenopfer mehr als 200’000 Personen begleitet. Dreiviertel davon haben sich bereits von ihren Schulden befreien können. Die Entschuldung ist der erste und überlebenswichtige Schritt für Bauernfamilien, um Ernährungssouveränität zu erlangen.

Glossar

Wucherer:
GeldverleiherIn, die/der für das verliehene Geld Zinsen verlangt, die deutlich über den legalen oder üblichen Zinsen liegen.