Für eine lokale Wirtschaft in der Schweiz

SOLL UNSERE ERNÄHRUNG DER WIRTSCHAFT DIENEN

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Ernährungssouveränität betrifft die ganze Kette der Nahrungsmittelproduktion, vom Acker bis in die Teller. Regionale Vertragslandwirtschaft (RVL) stimuliert die Schweizer Wirtschaft, schafft Arbeitsplätze und Wertschätzung lokaler Produkte. ProduzentInnen und KonsumentInnen sind vernetzt und tragen die Risiken gemeinsam. RVL garantiert umfassende Transparenz und verringert CO₂-Emissionen aufgrund kürzerer Transporte.

ODER DEM MENSCHEN?

Für eine lokale Wirtschaft in der Schweiz

In einer regionalen Wertschöpfungskette dient die Wirtschaft dem Menschen. Ganz im Gegensatz zum neoliberalen Modell, in dem der Mensch der Wirtschaft dient.

In unserem Wirtschaftssystem, das auf ständigem Wachstum beruht, entscheidet der Markt; er kümmert sich nicht um die Gesundheit, die Umwelt, ja nicht einmal um das Leben. Die Preise sind ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage, von Überproduktion, von Börsenkursen und anderen realitätsfremden Parametern, die den wirklichen Wert von Nahrungsmitteln verzerren und nicht einmal die kompletten Produktionskosten widerspiegeln. Ernährungssouveränität heisst, den Markt selbst zu organisieren und den Nahrungsmitteln ihren wirklichen Wert zurückzugeben.

Damit ein Ernährungssystem souverän ist, müssen alle Glieder der Wertschöpfungskette eingeschlossen werden. Eine Wertschöpfungskette setzt sich aus der Produktion, der Verarbeitung und der Verteilung eines Nahrungsmittels zusammen. Der Weg der Milch zum Beispiel beschreibt die ganze Kette vom Kuhmelken bis zur Milchflasche im Kühlschrank. Durch die Liberalisierung sind in den letzten Jahrzehnten viele Wertschöpfungsketten geschwächt worden.
Der Schweizer Detailhandel wird von Migros und Coop beherrscht, die zusammen auf Marktanteile von 80 Prozent kommen. Daneben existieren heute aber zahlreiche Initiativen, die versuchen, das Einkommen und die Risiken gerechter zu verteilen oder Transporte und Produktionsmittel (Treibstoffe, Pestizide, Dünger usw.) zu reduzieren. Sie setzen sich für Transparenz bei den Preisen ein und für Investitionen auf lokaler Ebene. Die Vertragslandwirtschaft, Hofläden, Stadtmärkte und Labels für regionale und faire Produkte sind Beispiele solcher Initiativen.
Oft beginnen sie klein, kreieren aber bald ein grosses Netzwerk, sodass in der Region ganze Nahrungsketten mit Verarbeitung, Lagerung und Vermarktung verschiedenster Produkte entstehen.

Das lokale Brot von TourneRêve
So geschehen in der Region Genf durch den Verein Affaire TourneRêve, wo 15 Bäuerinnen und Bauern dank ihrer durch die Vertragslandwirtschaft vertriebenen Körbe, die Wiederentdeckung und Wertschätzung ihrer regionalen Produkte fördern.
Mitglieder von Affaire TourneRêve lassen seit einigen Jahren ihr Getreide von einem Kleinbäcker verarbeiten. Thomas Descombes, ein Mitglied, erzählt:
«Unsere erste Mühle haben wir in einem umgebauten Bauwagen eingerichtet, um im Trockenen und vor den Mäusen geschützt zu sein. Dank des Wagens konnten wir unser Atelier verschieben und an verschiedenen Anlässen in der Innenstadt teilnehmen. Bald haben einige Bäcker ihr Interesse an einer Zusammenarbeit angemeldet. Wir haben vertraglich festgesetzt, welche Werte wir vertreten wollen: angemessene Preise für die Bäuerinnen und Bauern, eine transparente Wertschöpfung, eine Wertschätzung der Arbeit von Bäuerinnen und Bauern und der Bäckerei […]. Oft standen wir vor grossen Herausforderungen, zum Beispiel bei den Hygieneanforderungen oder beim Feuerschutz. KleinproduzentInnen werden in diesem System nicht berücksichtig.»

Glossar

RVL — Regionale Vertragslandwirtschaft: Seit 2000 in der Schweiz existierendes Wirtschaftsmodell, dem ein Vertrag zwischen aus derselben Region stammenden ProduzentInnen und KonsumentInnen zugrunde liegt. Die KonsumentInnen bezahlen die gelieferten Produkte im Voraus.
 
CO2: Kohlendioxid. Mit Methan (CH4) und Distickstoffmonoxid (N20) eines der Treibhausgase.
 
Neoliberalismus, neoliberal:
Wirtschaftstheoretische Strömung, die für einen Rückzug des Staates in wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Belangen steht. Beruht auf der Ausweitung des Marktprinzips auf neue gesellschaftliche Bereiche und sieht das Individuum als «Humankapital», das sich stetig (selbst) optimieren und sich den Erfordernissen des Marktes anpassen muss.
 
Produktionsmittel:
Unterschiedliche Produkte in der Landwirtschaft, die dem Boden und den Kulturen zugefügt werden und weder vom Hof noch aus seiner Umgebung stammen. Sie kommen in dieser Form nicht im Boden vor und werden beigefügt, um die Erträge zu erhöhen.
 
Pestizide, synthetische:
Chemisch hergestellte Produkte, die in den Kulturen v.a. gegen Unkraut (Herbizid), Krankheiten (bei Pilzen: Fungizid) und Insekten (Insektizid) eingesetzt werden.