Lebendige Böden pflegen im Süden

DER BODEN IST IN GEFAHR,

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ABER DIE AGRARÖKOLOGIE SCHÜTZT IHN

Die intensive Landwirtschaft und der Klimawandel laugen die Böden aus. Ein Drittel der globalen Ackerfläche verschwindet heute durch Erosion, durch Verlust der Biodiversität und durch Verschmutzung und Versalzung. Diese Tragödie betrifft mehr als 3 Milliarden Menschen. Die Agrarökologie hingegen vermag es, den Boden wiederzubeleben und ernährt die Bauernfamilien nachhaltig. 

Lebendige Böden pflegen im Süden


In Afrika hat der demografische Druck und ungeeignete Anbaumethoden zusammen mit der Abholzung der Wälder und der Zunahme von Viehzucht zu zunehmend unfruchtbaren, erosionsanfälligen Böden geführt.

Es gibt immer mehr Initiativen, die altes praktisches Bauernwissen wieder aufwerten. Um geschädigte Böden wiederaufzubauen, fördert DM-échange et mission (in Westafrika), FH Suisse (Food for the Hungry, in der Region der Grossen Seen in Afrika) und Paysans solidaires aus Morges (in Burkina Faso) die Verbreitung von lokalem Wissen und fördert agrarökologische Anbaumethoden. Das Duo Zaï und Mulch, die «Push-pull»-Methode und Heckenlandschaften sind Teil der Techniken, die den Böden – selbst während der Bewirtschaftung – Regeneration ermöglichen.

Das Duo Zaï und Mulch
Damit ein Boden lebendig bleibt, müssen die Wurzeln der Pflanzen und die zahlreichen Mikroorganismen gute Lebensbedingungen vorfinden. Zwei Methoden eignen sich bestens dazu:  Erstens das Zaï: Es handelt sich um eine traditionelle Anbaumethode, bei der von Hand kleine Senken im Boden ausgehoben werden. Darin werden Kompost, Mist und Samen ausgebracht, das Regenwasser konzentriert sich automatisch in der Senke. Zweitens das Mulchen: Die organische Bodenbedeckung (z.B. mit Stroh) fördert die Bildung von Pilzen und Bakterien und nährt so die Pflanzen. Das Wasser verdunstet durch die Bodenabdeckung weniger und die Pflanze kann kontinuierlich von den Nährstoffen zehren. Schliesslich wird das organische Material in Humus umgewandelt. Im französischsprachigen Teil von Afrika wird diese Technik von DM-échange et mission und seiner Partnerorganisation Secaar gefördert.

«Push-pull »: ein natürliches Insektizid
Diese Technik wird durch Food for the Hungry in der Region der Grossen Seen (Zentralafrika) angewandt. Die Maiskulturen sind wegen Schädlingsbefall immer wieder Ertragsschwankungen ausgesetzt. Die «Push-pull»-Methode ist eine agrarökologische Technik, um gegen Raupen-Schädlinge vorzugehen. Sie kombiniert die Kulturen so, dass schädliche Insekten von Kulturen angezogen werden, die am Ackerrand als Falle dienen. So wird die Kultur selbst verschont. Ohne teure, chemische Mittel kann der Mais damit geschützt und der Ertrag erhöht werden. Gleichzeitig nimmt die Fruchtbarkeit des Bodens zu, da keine Pflanzenschutzmittel mehr in den Boden gelangen. Das umliegende Gras können die Bäuerinnen und Bauern als Futterpflanzen verwenden.

Heckenlandschaften, um die geschädigten Böden wiederaufzubauen
Heckenlandschaften eignen sich, um in nur wenigen Jahren eine pflanzenlose Zone zu renaturieren, Lebensraum zu schaffen und so die Böden progressiv wiederaufzubauen. Die Böden können dank den Heckenpflanzen das Wasser besser speichern. Zudem dienen sie als Windbarrieren. Paysans solidaires aus Morges wendet diese Technik im Norden Burkina Fasos an. Auf einem Bauernhof werden Tests durchgeführt und die umweltfreundlichen Techniken an Bäuerinnen und Bauern weitergegeben.

6 Arbeitskräfte Nord
Eine einträgliche Landwirtschaft für alle in der Schweiz
Es ist an der Zeit, wieder den Menschen ins Zentrum der Landwirtschaft zu stellen.
Wir brauchen mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, Wertschätzung der Arbeit der Frauen und Unterstützung für junge Leute, die Land suchen.
Das aktuelle Landwirtschaftssystem zerstört die Natur und führt vielerorts zu Hunger, Kriegen und Migration. In der Schweiz verschulden sich die Bauernfamilien, um überleben zu können. Diese Investitionen in Maschinen und Infrastruktur, die eigentlich die Arbeit erleichtern sollten, sind ein zweischneidiges Schwert: Um sie zu amortisieren, müssen die Bauern nicht weniger, sondern mehr arbeiten – die teuren Maschinen sollen sich rechnen, die Zinsen an die Bank müssen bezahlt werden. Die Betriebe spezialisieren sich, auf den Feldern wachsen Mono- anstatt Mischkulturen. Die Selbstversorgung eines Hofes sinkt, die Abhängigkeit steigt.

Dabei hat die Landwirtschaft mehr Funktionen als die Nahrungsmittelproduktion – sie vermittelt auch zwischen Mensch und Natur. Ein vielfältiger, autonomer und souveräner Hof hat mehr Chancen, der verschärften Konkurrenz zu entrinnen.
Eine bäuerliche Landwirtschaft:

– verzichtet auf übertriebene Investitionen in Technik und Energie.
– passt die Arbeiten und die Arbeitszeit dem Rhythmus der Natur an.
– sucht die Nähe zu den KonsumentInnen. Sie entwickelt kurze Wege mit wenig oder keinen Zwischenhändlern, sodass Bauernfamilien und landwirtschaftliche Angestellte angemessen entlöhnt werden können.
– holt die Verarbeitung auf den Hof oder in die Region zurück. Sie gestaltet die Arbeit vielfältiger und trägt dazu bei, das praktische Wissen zu erhalten und zu erweitern. Das erhöht die Selbstversorgung der Bauernfamilien und fördert die Nachbarschaftshilfe.
2014 wurden in der ganzen Schweiz nur 2’800 von 54’000 Landwirtschaftsbetrieben von Frauen geleitet, bei insgesamt 158’800 in der Landwirtschaft tätigen Personen.
«Wir beobachten eine Vorherrschaft der Männer – in landwirtschaftlichen Organisationen, in politischen Organen und Unternehmen der Agro- und Lebensmittelindustrie, auch auf europäischer Ebene und in internationalen Gremien.

Dabei tragen Frauen auf Bauernbetrieben überall in Europa viel Verantwortung und leisten unzählige Arbeitsstunden, viele davon unbezahlt. Eine Reorganisation muss auch Frauen erlauben, ihren Platz in Debatten und Entscheidungen zur Agrarpolitik einnehmen zu können. Junge Leute müssen einbezogen werden. Das Patriarchat und Diskriminierungen aufgrund des Alters schliessen junge Leute von Entscheidungsprozessen aus. Die Landwirtschaft soll ein respektiertes Berufsfeld sein, das Bäuerinnen und Bauern erlaubt, in Würde von ihrer Arbeit leben zu können und in einem florierenden ländlichen Umfeld zu arbeiten, damit die Landwirtschaft wieder attraktiv wird. Dazu müssen wir Landwirtschaft anders lehren, die Prioritäten der staatlichen Forschung und Lehrinstitutionen umgestalten und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ländlichen Lebens mehr Unterstützung zukommen lassen.» Guide pour la souveraineté alimentaire, European Coordination Via Campesina (ECVC)

GLOSSAR

Agrarökologie, agrarökologisch: Begriff, der eine wissenschaftliche Disziplin, eine soziale Bewegung oder eine landwirtschaftliche Praxis beschreibt. Die drei Aspekte interagieren miteinander und berücksichtigen die dem geografischen Gebiet eigenen Bedingungen.

Mikroorganismen: Mikroskopisch kleine Organismen, von blossem Auge nicht erkennbar. Dazu gehören Bakterien, Mikroben, Pilze und Algen. Die im Boden lebenden Mikroorganismen bilden Symbiosen mit den Pflanzen und stellen ihnen Nährstoffe zur Verfügung.

Nährstoffe: Elementare Stoffe, die in den Lebensmitteln oder der Natur vorhanden und für die Lebewesen unabdingbar sind. Z.B. Wasser, Vitamine, Proteine und Mineralsalze. Sie können direkt ohne chemische Veränderung durch die Organismen aufgenommen werden.

Humus: Oberste Bodenschicht. Entsteht bei der Zersetzung von organischem Material (z.B. Pflanzenreste) hauptsächlich durch die Tätigkeit von Tieren, Bakterien und Bodenpilzen. Humus ist weich, gut durchlüftet und kann viel Wasser aufnehmen.

Biodiversität: Gesamtheit der Vielfalt der Ökosysteme, der Artenvielfalt und der genetischen Vielfalt.