Lokale Produktion von bäuerlichem Saatgut in der Schweiz

DER GRÖSSTE SCHATZ -

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DAS BÄUERLICHE SAATGUT

Seit Jahrtausenden vermehren Bäuerinnen und Bauern ihr eigenes Saatgut. Sie haben es verbessert und getauscht, verschenkt und verkauft. Heute hingegen kontrollieren 3 Unternehmen 60 Prozent des weltweit gehandelten Saatguts. In vielen Ländern haben Bäuerinnen und Bauern nicht mehr das Recht, das eigene Saatgut zu vermehren und zu tauschen. Die Interessen multinationaler Unternehmen bedrohen unsere Ernährung.

Lokale Produktion von bäuerlichem Saatgut in der Schweiz

Das Saatgut ist die Quelle des Lebens. Seit einem halben Jahrhundert kann eine dramatische Verarmung der Agrobiodiversität beobachtet werden. Viele Sorten sind rar geworden oder ganz verschwunden.

Die meisten Bäuerinnen und Bauern kaufen zertifiziertes Saatgut oder Hybridsaatgut bei der Saatgutindustrie. Hybridsorten zum Beispiel sind nicht zum Nachbau geeignet. So müssen  Bäuerinnen und Bauern jedes Jahr erneut bei der Saatgutindustrie einkaufen. Dabei kontrollieren heute drei multinationale Unternehmen 60 Prozent des internationalen Saatguthandels. Und fünf Unternehmen beherrschen 95 Prozent des europäischen Marktes für Gemüsesaatgut. Nur 0.3 Prozent des Saatguts ist biologisch.
Grosse Unternehmen bewerben ihre Hybridsorten mit viel Geld und verkaufen sie auf der ganzen Welt. Diese Praxis kann sich als sehr gefährlich entpuppen: Erstens zieht die Saat solcher Sorten die Verwendung von Produktionsmitteln wie Fungizide, Herbizide und Insektizide nach sich. Diese sogenannten Pflanzenschutzmittel werden von denselben Unternehmen hergestellt und sind auf ihr eigenes Saatgut abgestimmt. Mit der Zeit können Schädlinge aber gegen diese Mittel Resistenzen entwickeln, und die Kulturen können nicht mehr vor dem Befall geschützt werden.

Vermehrung, Konservierung und Austausch von bäuerlichem Saatgut ist eine uralte Kulturpraxis und ein Garant der Biodiversität. Dieses unveräusserliche Recht wird heute aber durch die Monopolisierung des Saatgutsektors bedroht. Die bäuerliche Landwirtschaft hat ihre Unabhängigkeit ebenso wie ihr praktisches Wissen verloren: Kaum jemand weiss heute noch, wie man Saatgut gewinnt. Die Verwendung von bäuerlichem Saatgut wird immer schwieriger – internationale Gesetze zwingen auch kleine SaatgutproduzentInnen zur Zertifizierung ihrer Produkte, was bei kleinen Mengen verhältnismässig teuer, teilweise unbezahlbar ist. Auch Forschung und Entwicklung zur Züchtung neuer Sorten sind sehr kostspielig. Der Staat zieht sich zugunsten der privaten Forschung zurück, die sich in ihrem Profitzwang nicht für die Zucht von sogenanntem Nischensaatgut interessiert.

Um das Recht auf freien Zugang zu Saatgut zu verteidigen, hat sich ein Netz bäuerlicher SaatgutproduzentInnen gebildet. Bäuerinnen und Bauern nehmen die Forschung, die Verbesserung und die Entwicklung von Saatgut häufig selbst in die Hand. Das vergrössert die Sortenvielfalt, schafft krankheitsresistente Pflanzen, die dem Boden, dem lokalen Klima, den landwirtschaftlichen Systemen und den kulturellen Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst sind, wodurch auch die natürlichen Ressourcen geschont werden. Sie sichern die Ernte und somit auch das bäuerliche Einkommen. Damit wird die Autonomie der Bäuerinnen und Bauern gestärkt und die Abhängigkeit von der Saatgutindustrie reduziert. Gentechnik wird von den bäuerlichen SaatgutproduzentInnen abgelehnt.

Der Markt für Biolandbau ist für multinationale Unternehmen heute noch sehr begrenzt und wenig interessant. Daher überlassen sie die Bio-Züchtung und Vermehrung lokalen Unternehmen, die mit lokal angepassten Sorten arbeiten.

Glossar

Agrobiodiversität: Wie die Biodiversität umfasst die Agrobiodiversität die Gesamtheit der kultivierten Pflanzen und der Nutztiere, verschiedene Sorten und Tierrassen sowie alle vom Menschen bewirtschafteten, landwirtschaftlichen Flächen.

Hybridpflanzen, -saatgut: Ein Hybrid ist in der Botanik eine Kreuzung von zwei verschiedenen Sorten oder Linien, die gewünschte Eigenschaften besitzen. Werden die Samen solcher Hybridpflanzen ausgesät,  weist diese Nachzucht in der Regel die gewünschten positiven Eigenschaften nicht mehr auf.

Multinationales Unternehmen: Firma, die in mehreren Ländern oder Kontinenten agiert oder angesiedelt ist.

Produktionsmittel: Unterschiedliche Produkte in der Landwirtschaft, die dem Boden und den Kulturen zugefügt werden und weder vom Hof noch aus seiner Umgebung stammen. Sie kommen in dieser Form nicht im Boden vor und werden beigefügt, um die Erträge zu erhöhen.

Pestizide, synthetische: Chemisch hergestellte Produkte, die in den Kulturen v.a. gegen Unkraut (Herbizid), Krankheiten (bei Pilzen: Fungizid) und Insekten (Insektizid) eingesetzt werden.

Schädlinge: Tiere, Pilze, Bakterien und Viren, die Kulturen schädigen.

Biodiversität: Gesamtheit der Vielfalt der Ökosysteme, der Artenvielfalt und der genetischen Vielfalt.

Nische: Ein Nischenprodukt wird in kleinen Mengen hergestellt und deckt eine Nachfrage ab, die in den Lücken der Massenproduktion entsteht. Z.B. gilt die Herstellung von biologischem Saatgut bei den grossen Saatgutherstellern als Nische.

Gentechnik, gentechnisch: Forschungs- und Experimentiermethode mit Genen. Sie umfasst die Veränderung und Neuzusammensetzung von DNA.